Autorität im Wandel

AUTORITÄT IM WANDEL

AUTORITÄT IM WANDEL

Wir sind Zeitzeugen einer wesentlichen Veränderung unserer Autoritäten. Die Herausforderungen der Welt drängen zu einem Bündel von Krisen: Die großen Flüchtlingsbewegungen, die Terroranschläge, die Krise im Euroraum und das EU-Referendum in Großbritannien. Sie alle lassen Zweifel an den Kompetenzen der existierenden Autoritäten aufkommen. Es bleibt die Frage: Bei wem liegt in der heutigen Gesellschaft die Autorität und damit die Verantwortung? Dass dies nicht einfach zu klären ist, zeigt sich in dem Wunsch, mehr Kontrolle über das eigene Leben zu bekommen. Wir begegnen ihm einerseits in den vermehrten liberalistischen Volksentscheiden und andererseits in der neuen Sehnsucht nach Autorität, die sich im aufkommenden Nationalismus niederschlägt. Wie werden diese Strömungen unser Verständnis von Autorität beeinflussen und ändern?

Die Convoco Edition diskutiert die Zusammenhänge zwischen Autorität, Macht und Verantwortung, Repräsentation und direkter Demokratie und ergründet die Fragen: Verliert das Recht zunehmend an Autorität? Ist direkte Demokratie die Lösung oder höhlen Volksentscheide die Autorität der repräsentativen Demokratie aus? Kann ein Mehr an Autorität bei der Bewältigung internationaler Krisen helfen?

Thesen

Wer Autorität besitzt, hat Verantwortung. Je mehr Autorität, desto größer die Verantwortung.

Corinne M. Flick


Die Übertragung von Autorität erfolgt durch Wahlen oder durch Übernahme eines historischen Amtes entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen. Jedoch gibt es kein Amt ohne die es bestimmende Verantwortung. Die Ausübung von Macht jenseits der Grenzen dieser Verantwortung ist, wie das Gesetz es formuliert, Handeln ultra vires, jenseits der übertragenen Macht. Eine solche Betrachtung des politischen Prozesses vermittelt uns, dass Politik nicht mit Macht, sondern mit Autorität zu tun hat. Diese Autorität ist gegeben, wenn Menschen anderen, weniger Mächtigen gegenüber direkt oder indirekt rechenschaftspflichtig sind.

Roger Scruton


Demokratie benötigt Autorität und sie muss Autorität ausstrahlen, sie darf aber nicht autoritär sein. Ihre größte gegenwärtige Gefährdung liegt in der Entwicklung zu einem „Spiel ohne Bürger“, bei dem niemand da ist, der der Demokratie Autorität gibt und die Bürger keine Autorität verspüren.

Stefan Korioth


Autorität bedeutet heute weniger denn je, dass Politiker schlicht entscheiden und die Bürger folgen. Trotzdem wird die Hoffnung, Referenden würden zu einer stärkeren Orientierung der Politik an den Interessen der Bürger, schnell zur Illusion, wenn Referenden von Regierungen für strategische Zwecke missbraucht werden, wie es derzeit immer wieder geschieht. Volksabstimmungen sollten einen klar definierten Platz in der konstitutionellen Ordnung haben, und Initiativen für Referenden sollten in erster Linie aus der Bevölkerung kommen, nicht von den Regierungen.

Clemens Fuest


Das Recht lebt von seiner Autorität. Diese Autorität erschöpft sich nicht darin, dass das Recht vom Bürger befolgt wird. Bevor es vom Bürger ge- und beachtet werden kann, muss das Recht auch verstanden, erklärt und in seiner Bedeutung für den Einzelfall erfasst werden. Dafür müssen Staat und Gesellschaft Kapazitäten bereithalten: personell, finanziell und intellektuell. Sonst drohen lähmende Übervorsicht oder riskanter Blindflug durch das Recht.

Wolfgang Schön


Während das Recht als Imperativ und als Leitlinie für alle zukünftigen Fälle verstanden werden soll, passt sich die Politik an die Bedürfnisse und Notwendigkeiten des Tages an. Dieser Antagonismus zwischen Recht und Politik wird unterhöhlt, wenn Gesetze so formuliert werden, dass ein Handeln entgegen der proklamierten Intention möglich ist; denn damit orientiert sich das Recht an den Notwendigkeiten der Politik und droht, mit ihr seine Autorität zu verlieren. Damit geht es zugleich einer seiner wertvollsten Eigenschaften verlustig, nämlich die Antizipierbarkeit bestimmter Ergebnisse.

Christoph G. Paulus


Die unbedingte Achtung der Autorität des Rechts gehört zur nationalen Identität Deutschlands. Sie ist seit Jahrhunderten gewachsen und hat zu vielfältigen »Einträgen in unser kollektives Wörterbuch« geführt. Die Autorität des Rechts hat gelitten. Unter den Bedingungen von Globalisierung, europäischer Integration und bundesstaatlicher Machtverschränkung hat der Kern des Rechtsstaats, die Bindung der Politik durch das Recht (Kant), an Wirkmächtigkeit verloren.

Peter M. Huber


Die Wiederherstellung des Konsenses über Geltung und Bedeutung des Rechts und die Grundsätze humanitärer Arbeit werden entscheidend sein. Aus diesem Grund hält das IKRK seinen Einsatz an der Front und die Verhandlungen mit den Konfliktparteien mit dem Ziel, die Normen zu respektieren und humanitäre Freiräume zu schaffen, für den wichtigsten humanitären Beitrag zur Wiederherstellung von Autorität in der Gesellschaft.

Peter Maurer


Die digitale Transformation ist im vollen Gange. Die Veränderungen ergreifen nicht nur Felder des „digitalen“ Rechts, sondern das Recht in seiner Gesamtheit. So steht mit dem BGB auch traditionelles Zivilrecht auf dem Prüfstand. Im Hintergrund schwelt die Frage, welche Anforderungen Big Data an das Verfassungsrecht stellt.

Thomas Hoeren


Das traditionelle Verständnis von Autorität gerät zunehmend unter Druck, auch in der Wirtschaft. Verliert Autorität also an Relevanz? Obwohl es paradox erscheint, ist das Gegenteil der Fall. Sich verändernde gesellschaftliche Werte, eine unbeständige Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklung sowie rasanter technologischer Fortschritt sind für etablierte Organisationen ernsthafte Herausforderungen. Mit diesen Faktoren umzugehen, erfordert Autorität, aber in einer neuen Form.

Stefan Oschmann


Kurzfristig bestimmen viele Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Einer dieser Faktoren ist die Psychologie. Die wirtschaftliche Entwicklung erfordert oft gleichgerichtete oder komplementäre Handlungen vieler Wirtschaftsakteure. Deshalb spielt das Vertrauen in das Handeln der Anderen, und damit das Vertrauen in den wirtschaftlichen Aufschwung oder die Stabilität der Konjunkturlage eine entscheidende Rolle. In diesem Punkt kommt die Autorität der Presse ins Spiel.

Kai A. Konrad


Es gab in der Vergangenheit immer wieder Phasen der Liberalisierung und Phasen, in denen Marktöffnungen wieder zurückgenommen wurden. Auf die schwere Finanzkrise, die in den Jahren 2007/2008 begann, haben wir mit einem Ausbau der internationalen Kooperation, neuen Institutionen und einer besseren Regulierung der Finanzmärkte reagiert. Daher sind wir heute besser als in der Vergangenheit aufgestellt, um mit den aktuellen Herausforderungen für die Märkte umzugehen.

Claudia M. Buch


Ich liebe gute Detektive und mein eigenes Urteilsvermögen steht im Mittelpunkt meiner Selbstachtung. Ich halte Ausschau nach kreativen Denkern und Menschen, die ihre eigene Erfahrung mit Talent vermitteln. Irgendwo in diesem Gemisch verortet sich mein Sinn für Autorität. Ich habe große Hochachtung vor Menschen, die mehr ‘wissen’ als ich.

Richard Wentworth

Autor:innen

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