Rechnen mit dem Scheitern: Strategien in ungewissen Zeiten

Rechnen mit dem Scheitern:
Strategien in ungewissen Zeiten

Unsere Welt ist von Ungewissheit geprägt; dazu gehört auch die Ungewissheit des Erfolgs. Nur der Unkluge rechnet nicht mit der Möglichkeit der Niederlage. Zu jedem Lebensplan, zu jeder Businessidee und zu jedem staatlichen Handlungsplan sollte gehören: das Rechnen mit dem Scheitern, mit der Möglichkeit des Misslingens.


Wir müssen dem mit Strategien begegnen. Strategie bedeutet das Ausloten von Handlungsszenarien. Durch die Antizipation selbst negativer Ausgänge und Resultate entstehen Handlungsvorteile, und Handeln bedeutet neue Möglichkeiten, die Chance, das Misslungene zu wenden. Doch dies erfordert einen Paradigmenwechsel, einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit dem Scheitern. Wer handelt, kann irren; wer irrt, kann scheitern.


Die Convoco Edition bringt Autoren und Denker verschiedener Felder zusammen und beleuchtet das Thema „Rechnen mit dem Scheitern: Strategien in ungewissen Zeiten“ aus unterschiedlichen Perspektiven.

Thesen

Bei jedem Handeln und jeder Unternehmung ist ein Scheitern in der Möglichkeitsform präsent. Um „gut“ zu scheitern, ist es unabdingbar, eine Strategie zu haben. Denn dann erkennt man Alternativen und kann Fehler eingestehen. Strategien sind essenziell im Umgang mit dem Misslingen. Sie können eine Niederlage in einen Sieg verwandeln und trotz Widrigkeiten und schlechterer Ausgangslage zum Erfolg führen.

Corinne M. Flick

 

Die Entdeckung des Rechts als Methode zur Bändigung zukünftiger Ungewissheit.

Christoph G. Paulus

 

Wir erwarten vom Recht, auch in solchen Situationen Regeln zur Verfügung zu stellen, die von Unsicherheit und Nichtwissen geprägt sind. Dies kann gelingen, wenn Ungewissheit nicht als Problem oder Degenerationserscheinung der Postmoderne verstanden wird, sondern als unausweichliche und produktive Begleiterscheinung des Wissens. Das Recht kennt Strategien, von Beweislast- bis hin zu Haftungsregeln, die Komplexität reduzieren und gesellschaftliche Risiken des Nichtwissens angemessen verteilen können.

Stefan Korioth

 

Scheitern bedeutet das Verfehlen von Handlungszielen. Die Problematik der Ungewissheit stellt dieses Handlungsmodell jedoch infrage. Wenn Handlungsbedingungen nicht vollständig bekannt sind, weil keine vollständigen Informationen bestehen und sich die Zukunft auch nicht probabilistisch aus der Vergangenheit ableiten lässt, wie treffen Akteure dann Entscheidungen? Eine Lösung besteht darin, so zu tun, als ob es doch möglich wäre, Zweck-Mittel-Relationen eindeutig festzustellen. Eine Alternative hierzu ist, Entscheidungen ganz anders zu verstehen, nämlich als einen Prozess von Versuch und Irrtum, bei dem Handlungsziele und Handlungsmittel sich im Verlauf der in der Situation neu gemachten Erfahrungen immer wieder anpassen. Handeln wird so nicht teleologisch verstanden, sondern vielmehr als ständige situative Anpassung auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Informationen. Nimmt man Ungewissheit als Ausgangsbedingung ernst, so erscheint ein solches pragmatistisches Modell des Handelns als mögliche Alternative. Scheitern ist dann normaler Teil des Handelns. Doch Scheitern erscheint viel deutlicher als selbstverständlicher Ausgangspunkt für Lernprozesse, die Grundlage für weitere Entscheidungen sind.

Jens Beckert

 

Freiheit bewältigt Ungewissheit und birgt Ungewissheit in sich. Doch Freiheit macht aus dem Unbekannten, Unsichtbaren, Unsicheren Hoffnung. Diese Hoffnung bezieht sich auf den einzelnen Menschen, sein Selbstbestimmungsrecht, seine Gestaltungsfreude, seine Verantwortlichkeit. Freiheit ist das Prinzip des hoffenden Menschen.

Paul Kirchhof

 

Selbst das Aussterben der Dinosaurier durch Meteoriteneinschlag und der Untergang aller bisherigen Weltreiche vermögen nicht im Geringsten unseren Optimismus zu schmälern, dass wir das Schlimmste überstehen, wenn wir mit ihm zu rechnen lernen. Das sagt der überlebenstüchtige Apokalyptiker, weil er sich in der Lage sieht, durch die Wechsel der Darstellungen dieser schlimmen Aussicht nicht in das Joch der Verzweiflung und Euphorie geschirrt zu werden.

Bazon Brock

 

Clausewitz misst der »Strategie« eine entscheidende Bedeutung bei. Während Sunzi und die heutigen Militärtheoretiker die Strategie im Grunde als eine Methode des Feldherrn ansehen, einen Feldzug zu planen und zu führen, versteht Clausewitz unter Strategie den Einsatz von Gefechten oder Schlachten im Sinne der Kriegsziele (ein Konzept, das wir heute als »Gesamtstrategie« bezeichnen): also die Schnittstelle zwischen Politik (den politischen Kriegszielen) und Taktik (den Mitteln, eine Schlacht zu schlagen). Clausewitz war überzeugt, dass kein General ohne klares Strategieverständnis – also ohne das Verständnis, wie militärische Operationen politische Ziele befördern können – auf Erfolg hoffen darf.

Saul David

 

Die Möglichkeit des Scheiterns muss real sein, denn sie entwickelt die stärksten Anreize für Individuen, Entscheidungen aus voller Verantwortung zu treffen.

Jörg Rocholl

 

Wie reagieren Entscheider, wenn das Scheitern droht? All ihren Entscheidungen liegt ein ökonomisches Kalkül zugrunde, das einem einheitlichen Muster folgt. Es wird manchmal als „gambling for resurrection“ beschrieben. Das Kalkül gehört zu den beliebtesten Strategien angesichts des bevorstehenden Scheiterns, aber auch zu den gefährlichsten. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, kann entweder in die sichere Niederlage steuern oder eine Wette eingehen. Die Wette verspricht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Rettung; beim Eintritt der Restwahrscheinlichkeit aber entstünde ein massiver Schaden. Ohne Not würde man diese Wette nicht eingehen, weil der erwartete Gewinn im Erfolgsfall deutlich kleiner wäre als der erwartete Verlust im Falle des Misserfolgs. Die Wette ist eigentlich eine Geldvernichtungs-wette. Wer aber mit dem Rücken zur Wand steht, für den wird sie attraktiv. Er profitiert, wenn die Wette gut ausgeht. Und er trägt den Verlust nicht selbst, wenn sie verloren geht. Andere tragen den Verlust, oder zumindest große Teile des Verlusts.

Kai A. Konrad

 

Das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und der Türkei gestaltet sich bisher als „endlose Geschichte“ und wirft eine Reihe von Fragen auf: Scheuen beide Seiten davor zurück, das Scheitern einer Idee einzusehen und dafür die politische Verantwortung zu übernehmen? Gibt es vielleicht doch noch eine Chance, eine Strategie für den Beitritt der Türkei zu finden? Oder sollten beide Seiten Farbe bekennen und gemeinsam nach einer glaubwürdigen Alternative suchen?

Joachim Bitterlich

 

In einer ungewissen Welt reichen statistisches Denken und Risikokommunikation nicht aus. Gute Faustregeln sind von entscheidender Bedeutung für gute Entscheidungen. Eine Faustregel oder Heuristik ermöglicht uns, eine Entscheidung schnell zu treffen, ohne viel Informationssuche und doch mit einem hohen Maß an Genauigkeit.

Gerd Gigerenzer

 

Nicht der Wandel an sich führt zum Scheitern, sondern die Unfähigkeit, ihn rechtzeitig zu erkennen und kraftvoll und mutig zu reagieren.

Burkhard Schwenker

Autor:innen

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