Warum die Krisenerfahrung heute anders ist

in der neuen Convoco Edition untersuchen wir die Stabilität unserer Systeme in Zeiten des Ernstfalls. Lesen Sie hier Auszüge zu den Fragen, was die heutige Krisenerfahrung besonders macht, und wie wir die Resilienz der Demokratie mobilisieren können.

Warum die Krisenerfahrung heute anders ist

(1) Es existiert heute eine kommunikative globale Vernetzung, die eine zuvor unbekannte verdichtete »Zeitzeugenschaft« erlaubt. Das gilt im Zeichen sozialer Medien quantitativ und qualitativ, und es hat zum Beispiel die globale Wahrnehmung von Opfern und Gewalterfahrungen massiv verändert. Soziale Medien machen aus dem Globalismus einen Modus des permanenten Vergleichs. Sie tragen zur Entstehung konkurrierender Öffentlichkeiten bei, in denen Meinungen jederzeit mobilisiert werden können. Vor diesem Hintergrund scheint die traditionelle Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik immer stärker in den Hintergrund gedrängt zu werden. 

(2) Wir haben es in der Gegenwart mit einem so noch nicht bekannten Aufeinandertreffen von lang-, mittel- und kurzfristigen Krisenphänomenen zu tun. Man könnte in Anlehnung an Fernand Braudel von drei Ebenen der »Eigenzeit« von Krisen sprechen, die in der Gegenwart zusammentreffen: die longue durée von Klima, Umwelt und Geografie; die moyenne durée im Blick auf Demografie und Wirtschaftszyklen, sowie die Ebene der évènements der unmittelbaren politischen Entscheidungsprozesse. Alle drei Zeitebenen sind in der Gegenwart ineinander verschränkt und verstärken sich gegenseitig. Dazu gehören die Kosten des Anthropozäns als Folge der Doppelkrise von Klima und Artenvielfalt und angesichts des absehbaren Endes des fossilen Zeitalters; die Krise der Demografie und ihrer Auswirkungen für die Zukunft von Demokratie und Wohlfahrtsstaatlichkeit; die Digitalisierung und der durch Künstliche Intelligenz beschleunigte technologische Wandel, aus dem sich ganz neue Chancen und Gefahren für politische Kommunikation und soziale Konflikte ergeben; eine Erosion der überkommenen politischen und sozialen Ordnungen durch die verstärkte Polarisierung zwischen scheinbaren »Gewinnern« und »Verlierern« der Globalisierung; sowie ein krisenhafter Umbruch in der Struktur des »Außen« und »Innen« von Staaten und Gesellschaften, sodass das überkommene Gehäuse nationalstaatlich definierter Souveränität zu erodieren scheint, was als Reaktion umso aggressivere Nationalismen provoziert.

Etwas ist anders und neu. Und dieses Andere und Neue sind der Klimawandel und sein Einfluss auf die Gesamtheit der Systeme in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Die Weltgeschichte hat den Aufstieg und Fall großer Reiche erlebt, den Wechsel von Demokratie zu Autokratie (oder Anarchie) und umgekehrt, ebenso wie eine Abfolge von Zeiten kultureller oder ökonomischer Blüte. Aber zu keinem Zeitpunkt in der aufgezeichneten Historie unseres Planeten hat ein weltweites Naturphänomen in so kurzer Zeit den festen Rahmen erschüttert, innerhalb dessen sich die traditionellen Entwicklungen staatlicher, wirtschaftlicher und kultureller Prägung entfalten. Es geht nicht mehr nur um das traditionelle Wechselspiel der Kräfte, um das Auf und Ab von Staaten und Kulturen. Es geht darum, dass das Spielfeld selbst aus den Fugen gerät, seismischen Verschiebungen unterworfen wird und jede Verlässlichkeit abhandenkommt.

Der Begriff Anthropozän stellt das moderne Denken und seine ontologischen Grundlagen in Frage. Besonders zwei Grundsätze sind betroffen: die Idee, dass Mensch und Natur voneinander getrennt sind, sowie die Vorstellung, dass das menschliche Handeln und die Politik eine Linearität und einfache Kausalität aufweisen. Wir müssen erkennen, dass sämtliches Leben auf unserem Planeten in komplexen Systemen und Verflechtungen funktioniert, die auf Kausalität und Linearität beruhende Modelle nicht abbilden können. Es lässt sich also festhalten, dass das Anthropozän einen im Wandel begriffenen Zustand des Planeten, der Menschheit und der Natur bezeichnet, der die modernen Konzepte von Wissen und Handeln in Frage stellt.

Die mobilisierbare Resilienz der Demokratie

Jörn Leonhard: Aus deutscher Sicht blicken wir mit den Erfahrungen der Weimarer Republik auf die Jahre um 1930. Aber diese historische Phase enthält bei einem anders gewählten Fokus – etwa auf die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Niederlande – auch viele Bedingungen des demokratischen Gelingens, der mobilisierbaren Resilienz der Demokratie.

In übergreifender Perspektive hing das Überleben der Demokratie von drei ineinandergreifenden Faktoren ab: von klug konstruierten Institutionen, denen Menschen Vertrauen entgegenbrachten, von nachvollziehbaren politischen Entscheidungen und einer Mäßigung im praktischen Umgang der Repräsentanten des Systems untereinander. Hier kamen dezidiert vorpolitische Einstellungen – Empathie, Vertrauen, Mäßigung, Solidarität, Gerechtigkeit, Geduld und der Fähigkeit zum Kompromiss – enorme Bedeutung zu. 

Der Blick auf diese Beispiele aus den 1920er und 1930er Jahren warnt uns jedenfalls davor, von der Krisenhäufung der Gegenwart auf die Unterstellung zu schließen, dass die Demokratie den Anforderungen an politische und soziale Steuerung nicht mehr gewachsen und eine Krise der Demokratie also unabwendbar sei. Der Ernstfall ist immer auch eine Chance, der an die prinzipielle Bedeutungsoffenheit von »Krise« erinnert: nicht als negative Determination eines Geschehens, sondern als Phase der Entscheidung mit offenem Ausgang. 

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