#68 Andreas Reckwitz – Ersetzt der Verlust den Glauben an den Fortschritt?

In diesem C! Podcast spricht Corinne M. Flick mit Andreas Reckwitz, Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor des Buches “Die Gesellschaft der Singularitäten”, zum Thema:

 Ersetzt der Verlust den Glauben an den Fortschritt?

Hier seine Gedanken in Kürze:

Man sollte das Verschwinden vom Verlust unterscheiden. Ständig verschwinden Dinge; Menschen sterben und Status wird verloren. Manches, was gestern wertvoll war, ist es heute nicht mehr. Das muss aber nicht unbedingt als Verlust markiert werden. Mit dem Verlust meine ich, dass Individuen oder Gruppen ein solches Verschwinden negativ bewerten.

 

Die Diskussion über den Klimawandel ist ein sehr wichtiges Zeichen, dass die Verlustfrage in der Gegenwartsgesellschaft immer mehr ins Zentrum vorrückt.

 

Ein Verlustmechanismus ist auch die Ökonomisierung der Gesellschaft … Denken wir an Wohnungsmärkte oder Bildungsmärkte. Das sind alles Wettbewerbskonstellationen, in denen Gewinner und Verlierer produziert werden. 

 

Wenn es einen Kern gibt, der die moderne Gesellschaft ausmacht, dann ist das die Fortschrittsorientierung … Wir haben ein Modell von Zeitlichkeit in der Moderne, in der die Zukunft qualitativ oder quantitativ besser sein wird als die Gegenwart. Das Modell geht gerade nicht davon aus, dass ein Niedergang stattfindet. 

 

Ich denke, dass die moderne Gesellschaft Individuen schlecht darauf vorbereitet hat, Verluste in das soziale Leben zu integrieren.

 

Durch die Fortschrittsorientierung tendieren die modernen Gesellschaften dazu, dass Verluste gar nicht legitim erscheinen. Die Moderne betreibt eine Art Verlustverdrängung … Paradoxerweise produziert gerade die moderne Gesellschaft in großem Umfang Verlusterfahrungen, zum Beispiel über einen beschleunigten sozialen Wandel. 

 

Politische Bewegungen sind heute häufig verlustmotiviert, entweder durch erlittene Verluste oder eben durch die Angst vor kommenden Verlusten … Der Aufstieg des Rechtspopulismus in den westlichen Gesellschaften ist auch das Phänomen der Modernisierungsverlierer. Dazu muss man verstehen, dass hier positive Zukunftserwartungen enttäuscht wurden.

 

Die verstärkte Sensibilisierung für Verluste in der spätmodernen Gesellschaft ist ein wichtiger Wandlungsprozess. Die Frage, wie Gesellschaften ihre Verlusterfahrungen integrieren können, ist eine Herausforderung. 

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