Wem gehört das Wissen der Welt?

Wem gehört das Wissen der Welt?

„Wissen ist Macht“, schrieb Thomas Hobbes vor fast einem halben Jahrtausend. Wenn aber Wissen eine Quelle von Macht ist, dann ist die Frage „Wem gehört das Wissen der Welt?“ nicht nur von eminenter Bedeutung, sondern auch von beträchtlicher Sprengkraft.

Das ist eine wichtige und schwierige Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt oder geben kann. Fest steht: Das Wissen verliert seinen elitären Charakter, wird demokratisch. Convoco fragt nach den Ursachen für die fehlende globale Wissensgerechtigkeit und versucht aufzuzeigen, wie im digitalen Zeitalter eine Umverteilung von Wissen möglich werden kann.

Thesen

Was sich in der neuen Wissensordnung manifestiert, können wir nicht wissen; das ist die Ungewissheit des Wissens. Auch hat Sollen wenig Raum, weil Wissen dem Wollen so viel näher ist. Was bleibt ist mit offenen Augen und vor allem mit offenem Denken zu sehen, unter welchen Bedingungen Wissen geschaffen und verbreitet wird. Und was wir in diesen gegenwärtigen Bedingungen sehen, das ist der „Angriff der Vergangenheit“ auf die Zukunft des Wissens, das ist der Angriff zu Recht geronnener Altinteressen, das ist der Angriff zu Glaubenssätzen verharzter ökonomischer Gedankenspiele vergangener Jahrhunderte. Diese Angriffe verlieren ihre Kraft, denn Wissenschaft hat jetzt jene technischen Verständigungs¬mittel in bisher nicht gekannter Menge und Eigenschaft, um mit ihnen all das zu tun, was Wissen schaffen ausmacht, das Miteinander-Teilen, das gemeinsame Zusammensetzen und das fremdnützige Vernetzen in unser aller Eigeninteresse. Die Angriffe der Vergangenheit verlieren ihre Kraft, aber sie kosten die Wissenschaft Zukunftszeit. Ändern wir also die Bedingungen jetzt, um die Zukunft in der Gegenwart beginnen zu lassen.

Herbert Burkert


Eine neue Wissensordnung muss sich nicht nur die Frage nach der Allokation von Wissen und dem Zugang zu Wissen stellen – diese Fragen sind uns schon lange bekannt, auch wenn wir sie bisher zu wenig ernst genommen haben –, sondern auch Fragen nach der Vielfalt von Wissen.

Viktor Mayer-Schönberger


Die neuen Technologien lösen die über die Zeit entwickelten Systeme, die unser Wissen schützen, auf. Wir müssen anerkennen, dass Wissen dabei ist, ein Allgemeingut zu werden, das sich konstant wandelt. Wir brauchen neue gedankliche Ansätze und der Technik angemessene rechtliche Werkzeuge. Dieser Herausforderung können wir nur begegnen, wenn wir bereit sind, den herkömmlichen Gedanken des Eigentums in Bezug auf das Wissen aufzugeben. An die Stelle des Eigentums sollte die Verantwortung treten. Wer das Wissen nutzen will, sollte auch bereit sein, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Corinne M. Flick


Eine Wissensordnung, die den Gegebenheiten der Zukunft und der sich darin manifestie¬renden Bedeutung und Werthaltigkeit des Wissens gerecht werden will, muss nicht nur für einen fairen und angemessenen Ausgleich zwischen Wissendem und Multiplizierendem Sorge tragen, sondern muss auch den zunehmenden Demokratisierungstendenzen der modernen Netzwelt Rechnung tragen. Einem magischen Dreieck gleich muss den Belangen dieser drei Interessenträger Rechnung getragen werden.

Christoph G. Paulus


Wir spüren jeden Tag aufs Neue, wie die digitale Revolution unsere traditionellen Medien verändert und gleichzeitig neue, netzbasierte Medienangebote hervorbringt – während die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen noch von gestern sind. Da Ländergrenzen und Grenzkosten der Distribution praktisch irrelevant geworden sind, benötigen die Hersteller von Inhalten und Vermittler des Wissens einen Ordnungsrahmen, der weder klassische Medienanbieter noch unter lokaler Gesetzgebung stehende Unternehmen systematisch benachteiligt. Die Politik ist daher gefordert, ein ebenes Spielfeld zu schaffen, auf dem für alle Unternehmen die gleichen Regeln herrschen.

Paul-Bernhard Kallen


Jede Wissensordnung steht grundsätzlich vor einem Dilemma. Sie muss eine Balance finden zwischen einer möglichst umfassenden Zugänglichkeit und Nutzanwendung existierenden Wissens einerseits und der Schaffung optimaler Anreize für die Erzeugung neuen Wissens andererseits. Die Logik kollektiven Handelns in der politischen Ökonomie lehrt uns, dass in der Praxis diese Balance oft zu Gunsten der Wissensproduzenten verschoben ist. Es kann nicht schaden, diesen Sachverhalt auf die Bewusstseinsebene zu heben und dies gelegentlich im politischen Prozess zu berücksichtigen.

Kai A. Konrad


„Patente“, so Abraham Lincolns berühmte Worte, „sind der Treibstoff des Eigeninteresses im Feuer der Erfindung.“ Die Menschheit profitiert von Erkenntnis und Innovation. Das ist jedoch nur möglich, wenn diejenigen, die aus der Schaffung neuen Wissens maßgeblichen Nutzen ziehen, dank Urheberrecht und Patentschutz das benötigte Kapital bereitstellen können, um ihre Träume in die Wirklichkeit zu überführen.

William A. Haseltine


Wissen vermehrt sich und fragmentiert sich. Wissen verfällt schnell und wird doch immer komplexer. Dieser Prozess ist unumkehrbar, es gilt, ihn betriebs- und volkswirtschaftlich produktiv zu nutzen. Deshalb erscheinen Bedingungen zur Wissensproduktion perspektivisch wichtiger als die Verteilung von Wissen oder gar die Sicherung von Eigentumsrechten. Interdisziplinarität in Bildung und Wissenschaft, aber auch in der Wirtschaft, ist ein Schlüsselfaktor, damit Deutschland weiter erfolgreich sein industrielles Potenzial nutzen kann.

Burkhard Schwenker


Wissen ist kein fester Bestand mehr, den der Staat schützen und über den er durch das öffentliche Recht in seinem Bereich verfügen und der Rechtsetzung und Rechtsanwendung als Erfahrung zugrunde legen kann. Wissen ist dynamisch, immer im Werden und in Verfahren zu gewinnen und zu bewerten. Dazu gehört heute auch der Umgang des Rechts mit Nichtwissen, Unsicherheit und Risiko. Der moderne Staat ist auf dem Weg, hierzu geeignete inhaltliche und formelle Regeln zu finden. Sie müssen zukünftig auch die Voraussetzungen und Grenzen bestimmen, unter denen die allgemeine Zugänglichkeit gesamtgesellschaftlich wichtigen privaten Wissens verlangt werden kann.

Stefan Korioth


Eine neue Wissensordnung sollte auf dem Prinzip des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen und zum kulturellen Erbe im Sinne der Berliner Erklärung gegründet sein. Sie sollte das Recht auf Bildung und lebenslanges Lernen einschließen. In einer zukünftigen Wissensordnung sollte die Wissensgrundlage gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse transparent und für alle überprüfbar sein. Zugang zu Wissen sollte kein soziales oder kulturelles Privileg sein. Die neue Wissensordnung sollte die bestehenden weltweiten Ungleichheiten im Zugang zu Information, Wissen und Bildung überwinden und optimale Voraussetzungen schaffen, die Herausforderungen der Menschheit zu bewältigen.

Jürgen Renn


Als Historiker zögere ich, die gegenwärtigen Verschiebungen und Umbrüche in der globalen Wissens- und Kommunikationsordnung als tiefgreifenden historischen Bruch oder gar Beginn einer neuen historischen Epoche zu interpretieren. Die Digitalisierung der Medien und der Wandel der Informationstechnologien revolutioniert den Umgang mit Wissen und Information, aber nicht notwendigerweise die gesamte institutionelle, gesellschaftliche, kulturelle, politische und wirtschaftliche Ordnung. Vor dem Hintergrund der langen und konfliktreichen Geschichte der Propertisierung, Nationalisierung und Globalisierung des Wissens steht den heutigen Akteuren im Prinzip ein reiches und vielfältiges Wissen für die Bewertung und Gestaltung des gegenwärtigen Wandels der Wissensordnung zur Verfügung.

Hannes Siegrist

Autor:innen

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